Es gibt wohl kaum Ecken in Berlin, an denen man nicht automatisch auf Street Art stößt. Egal ob Graffitis, Paste-Ups, Sticker, Installationen oder Skulpturen, Berlin ist eine einzige Spielwiese für Street Art jeglicher Form.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich am Anfang meines Studiums in Düsseldorf zum ersten Mal seit Jahren wieder nach Berlin kam. Es war Hochsommer und eigentlich standen drei Tage Kunst-Exkursion auf dem Programm. Ein Freund ließ mich auf seiner Couch übernachten und bot sich an, für mich Dorfkind – Düsseldorf kam mir zumindest plötzlich so vor – den Guide zu spielen.
Ich wollte alles sehen und so fuhren wir mit seiner alten Vespa durch die Straßen und zogen von einem Ort zum nächsten. Die Exkursion war natürlich nach den ersten Stunden schon komplett vergessen. Berlin war viel zu aufregend, um drei Tage in Museen zu versauern. Eins der Bilder, das sich damals am meisten in meinen Kopf gebrannt hat, war der Astronaut von Victor Ash, mittlerweile wahrscheinlich eine der bekanntesten Street Art-Wände Berlins.
Auch wenn ich Berlin mittlerweile ein wenig besser kenne, bin ich immer noch fasziniert von dieser Stadt. Alles scheint hier irgendwie ständig in Bewegung zu sein. Selbst wenn ich denke, ich kenne mittlerweile viele Ecken, entdecke ich doch wieder etwas Neues an diesen Orten. Bei Street Art passiert mir das besonders oft. Wunderschöne Graffitis oder Poster tauchen auf, werden übermalt, überklebt oder verfallen mit der Zeit. Wie letzten Sommer, als der französische Street Art-Künstler J.R. für sein Projekt Wrinkles of the City überall in der Stadt riesige Schwarz-Weiß-Portraits von Berlinern verteilte.
Vier Tage lang konnte ich durch mein Bürofenster dabei zusehen, wie er Rolle für Rolle an die komplette Fassade eines verlassenen Gebäudes auf der anderen Straßenseite tapezierte. Viele Portraits sind mittlerweile fast verschwunden, das Gebäude gegenüber meines alten Büros wurde in der Zwischenzeit abgerissen. Dafür habe ich bei meinem letzten Streifzug viele neue, wunderschöne Wände von anderen Künstlern entdeckt. Es ist ein Kommen und Gehen.
Allerdings habe ich festgestellt, dass ich bis jetzt ein ganz schöner Ignorant war. Tags auf Hauswänden und Dächern… naja, fand ich nicht wirklich so schön. Die ganz kleinen Werke… habe ich bis jetzt oft komplett übersehen. Und was für einen Hintergrund die verschiedenen Werke haben… hatte ich oft keinen blassen Schimmer von, aber sie sehen schön aus!
Tja, ich habe letzte Woche ein paar Nachhilfestunden bekommen, als visitBerlin uns einlud, an einer Tour von alternativeberlin teilzunehmen. Eigentlich dachte ich, ich würde in den vier Stunden nicht viel Neues sehen und an den üblich verdächtigen Orten vorbeikommen. Falsch gedacht! Unser Guide war nämlich überhaupt nicht darauf aus, uns das zu zeigen, was man eh schon von tausend Bildern kennt.
Dass Tags eigentlich der Ursprung von Street Art sind, so weit war ich auch schon. Aber wusstest du, wie schnell eine Crew ihre Kürzel in großen Lettern an eine Wand sprühen kann? Mit wie viel Mann sie im Schnitt unterwegs sind? Wie sie es schaffen, bei der ganzen Aktion nicht erwischt zu werden? Und wenn doch, was so die Konsequenzen für welche Art von Street Art sein können?
Ich bis dahin nicht. Die Antworten sind ziemlich beeindruckend, genauso wie die Geschichten, wie einzelne Künstler ihrer Strafe entkommen sind. Auch wenn ich sie dir hier nicht verraten werde. Denn nichts läge mir ferner, als dir den Rate-Spaß zu verderben.
Oder all die Geschichten, die hinter den Werken stecken. Egal ob Zeitgeschehen, Sozialkritik, Kindergeschichten oder Persönliches – es ist extrem spannend zu hören, warum die Künstler machen, was sie eben machen.
Die Geschichte der gelben Fäuste der Cowboys oder CBS-Crew, einer der Graffiti-Legenden Berlins. Glaub mir, wenn du sie einmal gesehen hast, werden sie dir überall in der Stadt begegnen. An Orten, an denen du dich fragst, wie zur Hölle sie dort hingekommen sind. Die Geschichte des Sechsen-Mannes, der seit zwanzig Jahren die Zahl 6 auf Poster, Sperrmüll oder sonstige vorhandene Dinge pinselt. Oder die Geschichte, warum Little Lucy, einer der Charaktere von El Bocho, immer ihre Katze töten will. Auf alle erdenklichen Arten.
Außerdem hat unser Guide uns auf all die kleinen Dinge aufmerksam gemacht, die man im Alltag eigentlich völlig übersieht. Sticker, kleine Kacheln, Figuren und vieles mehr. Wie die kleinen, mit Herzchen verzierten Gänseblümchen von Käptn Karacho, die dich von Hauseingängen oder Laternenpfählen anlächeln.
Oder die Street-Yogis, die auf Straßenschildern in den verschiedensten Asanas posieren. Nach der Tour habe ich bei mir um die Ecke einen Krieger entdeckt. Ich weiß nicht, wie lange er dort schon steht, aber es wäre möglich, dass ich ihn zwei Jahre völlig übersehen habe.
Übrigens, bis zu diesem Zeitpunkt der Tour sind wir nicht über die Dircksenstraße und Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße 39 hinausgekommen. Und ich wette, wir hätten locker noch mehr Zeit dort verbringen können. Wenn du einmal anfängst, siehst du auf einmal so unglaublich viele Dinge, glaub mir. Wahrscheinlich könnte man es sich zur Lebensaufgabe machen, Street Art in Berlin zu entdecken.
Natürlich möchte ich dir noch ein paar schöne Orte mehr mit auf den Weg geben, die ich zur Zeit kenne. Auch wenn vieles legale Wände sind, finde ich sie trotzdem extrem sehenswert. Und wer weiß schon, was du auf dem Weg sonst noch alles findest.
Alt-Stralau und Ostkreuz
Rund um das Gelände von Protzen und Sohn auf Alt-Stralau
John Reaktor und Toxicomano in der Nähe des Ostkreuzes auf dem Markgrafendamm
Friedrichshain
Das RAW-Gelände und die Urban Art Gallery
Tristan Eaton an der Bushaltestelle ‚Am Friedrichshain‘
Kreuzberg
Da Mental Vaporz in der Nähe der Haltestelle ‚Warschauer Straße‘ der U1
Case an der Haltestelle ‚Heinrich-Heine-Straße‘ der U8
Karl Addison auf der Stralauer Straße Ecke Klosterstraße
TWOONE auf dem Parkplatz der Telekom auf der Klosterstraße (Am Wochenende ist das Tor zu und auch wenn man theoretischerweise darunter durchklettern könnte: Ein Streifenwagen bewacht das Gebäude gegenüber!)
Schöneberg
Ben Eine auf der Kreuzung von Bülowstraße und Zietenstraße
Der Astronaut von Victor Ash auf der Mariannenstraße ist übrigens immer noch zu bewundern. Nur seine Fahne ist mittlerweile verschwunden. Der Strahler des Autohauses gegenüber, der den Schatten einer Fahne vor dem Gebäude genau in seine Hand lenkte, musste ausgetauscht werden und ist seitdem falsch justiert. Für mich bleibt er trotzdem mein Wahrzeichen für die schönen Wände dieser Stadt.
Ahhh
War gestern ja auch spontan in Berlin und hab etwas Farbe auf Beton geschnuppert 
Der Astronaut ist übrigens bei Nacht ein echter Hingucker!
Gegenüber ist ein Autohuas (oder so) .. auf jeden Fall sind dort Fahnen und werden dort auch angestrahlt. Das Licht wirft dann den Schatten der Fahne so, dass der Astronaut die Fahne in der Hand hält
Ah es gibt noch so viel in Berlin zu entdecken!
Cool, haben sie das Licht repariert?
Schöner Artikel! Danke für die Streetart-Hotspots. Als großer Streetart-Enthusiast war ich schon bei meinem ersten Besuch in Berlin überwältigt von den vielen grandiosen Werken. Werde nun bald wieder da sein und den einen oder anderen Spot aus deiner Liste besuchen!
… lg, Nela
Danke schön, Nela! Ich hoffe, sie sind auch alle noch da. Aber ansonsten bin ich sicher, gibt es an den Ecken bestimmt unzählige neue großartige Wände. Wünsch dir viel Spaß in Berlin.